Hofstelle 28 / Auetalweg 14

Hofstelle 28 / Auetalweg 14

Der Stirnbalken über der ehemaligen „Grootdör“ aus dem Jahr 1735 zeigt die Inschrift

Baumeister H.R. = wahrscheinlich Henrich Raschen, geb. 1684 vor dem Vegesack, gest. 1759 in Platjenwerbe verh. 1706 mit Beke Haslop, Tochter des Zimmermanns Marten Haslop aus Platjenwerbe.

Dieses alte Käthnerhaus wurde 1736 errichtet und gehört damit zu den ältesten noch existierenden Häusern im Dorf. Allerdings ist nur noch das alte Reetdach sowie das Fachwerk in der Giebelseite mit dem alten Stirnbalken erhalten, alle anderen Holzteile wurden im Laufe der Jahrhunderte durch massives Mauerwerk ersetzt. Es war ein sogenanntes Rauchhaus, der Schornstein wurde erst Mitte 19. Jahrhundert gesetzt.

In einer Beschreibung der Gebäude von Platjenwerbe werden für diese Stelle aufgeführt:

1826-1829 – Johann Hedeler – ein Wohnhaus 40×33 Fuß, eine Scheune 16×15 Fuß, ein Backhaus 12×10 Fuß

1864 – Heinrich Haßelmann, sonst wie vor

1871 – Johann Haßelmann, sonst wie vor

Im Jahre 1913 wurde das Haus von der bremischen Kaufmannsfamilie Kulenkampff samt seiner Äcker und Weiden – insgesamt 5 Morgen Land – von der Stelle des Hinrich Hasselmann erworben. In dem reizvollen Gelände des Auetal-Weges errichtete er sich einen Sommersitz im Schweizer Stil, so wie es damals en vogue war. Das kleine und der Landschaft angepaßte Niedersachsenhaus diente fortan als Wirtschafshaus. Erst im Jahre 1938 wurde der Besitz nicht mehr intensiv genutzt, das Haus wurde weitgehend sich selbst überlassen und 1955 verkauft. Wie schön die Lage des Hauses ist zeigt eine kleine Begebenheit: Eine Tochter der Familie Kulenkampff behielt sich nach dem Verkauf des gesamten Areals über mehrere Jahre das Recht vor, ein Zimmer des Reetdachhauses als Sommerwohnung zu nutzen.

1955 wurde das Haus von dem Ehepaar Jachens erworben. Im Laufe der Jahre entwickelte es sich als kleines aber feines Dorfmuseum – wenn man durch die Tür ins Innere trat, war man umgeben von der Aura vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte. Margret Jachens sammelte ab den 70er Jahren Geschirr, Küchenutensilien, Handwerkszeug, Bekleidungsstücke und vieles mehr – und das über einen Zeitraum von 30 Jahren. Im Jahre 2003 wurde die gesamte Sammlung an das Museumsdorf Cloppenburg übergeben und befindet sich dort in guter Gesellschaft zur Schraderschen Schmiede aus Platjenwerbe

neues Sommerhaus der Familie Kulenkampff-Pauli (Platjenwerbe Nr. 28a)

Frau Margarethe Jachens berichtet (2012): 
In unserem jetzigen Hause wohnte die Familie Kulenkampff-Pauli, eine Bremer Kaufmannsfamilie. Sie kaufte im Jahre 1910 etwa den gesamten Besitz von dem Köthner Hasselmann im Auetal mit dem kleinen Strohdachhaus. Etwas zurück baute sich der Kaufmann ein üppiges Sommerhaus, wo er mit Kindern und zahlreichen Angestellten einzog. Das Haus wurde aufwendig mit viel Holz gebaut. Es hatte etwa 22 kleine Räume. Es waren Fremdenzimmer, ein riesiger Raum in der Mitte des Hauses gelegen, mit Treppe nach oben, die sogenannte Halle. Von außen verzierten hübsche Erker rund herum das Haus.

Die Familie hatte sechs Kinder – Maria, Beate, Eva, Irene und Ilse, der einzige Sohn, er hieß Gustav, verunglückte in den Bergen. Maria heiratete einen Möbelkaufmann Wilckens, sie verkaufte uns das Anwesen. Beate malte, ein Bild hat Frau Berta Wolf von ihr, ein anderes hing im kleinen Haus (jetzt hier).

Als nun die Eltern gestorben waren und der zweite Weltkrieg kam, wurde das Haus bewohnt von einer Familie Voigt, die befreundet war mit Kulenkampffs. Der alte Herr Voigt war Rechtsanwalt und Frau Voigt eine geborene Schröder. Ihr Bruder war Rudolf Alexander Schröder. Diese Familie war am Osterdeich in Bremen ausgebombt.

An sich war das Haus in Platjenwerbe nur im Sommer zu bewohnen. Eine Tochter von Kulenkampff, Ilse, baute sich für den Notfall im kleinen Strohdachhaus oben ein Zimmer aus. Sie bewohnte es kaum.

Die alte Frau Voigt war Mitinhaberin des damals gegründeten Insel-Verlages. Diese Leute sind alle beschrieben in den Büchern „Sommer in Lesmona“ und die „Goldene Wolke“. Frau Voigt hatte vier Kinder. Ursula Voigt, unverheiratet, arbeitete im Graphischen Kabinett. Erika Voigt ging nach Amerika, Marie-Luise Voigt, später Frau Borchardt, übersetzte Bücher. Peter Voigt starb in der Schweiz.

Als Frau Voigt im 74. Lebensjahre starb, hielt Rudolf Alexander Schröder die Leichenrede, in der großen Halle hier im Hause war sie aufgebahrt. Frau Kulenkampff ist über 80 Jahre alt geworden, Rechtsanwalt Kulenkampff starb früh, im Jahr 1937.

Wie bereits geschildert, wurde auch das Sommerhaus vermietet. Vom 1. Januar 1951 bis Mai 1954 wohnte dort im Obergeschoß die Familie Helmut E. Wagner aus Halle. Zu dieser Zeit lebten im linken Teil des Erdgeschosses die Witwe Marie-Luise Borchardt mit ihren Kindern Corona, Caspar und Cornelius, auf der rechten Seite die Familie Theil aus Schlesien.

Helmut Wagner hatte vor dem Krieg den weltweiten Alleinvertrieb für die bei der Verarbeitung von Wolle in der Bremer Wollkämmerei in Blumenthal anfallenden Wollfette. Auf der Suche nach einer neuen Existenz konnte er mit der Kämmerei eine neue Vereinbarung treffen und lebte zunächst mit seiner Familie in Platjenwerbe im Auetalweg, 1954 dann in Bremen-Lesum. Wie auf den Fotos (Quelle: W. Wagner) ersichtlich, war der über die gesamte Seite gehende hölzerne Balkon sowie die Gauben und Erker beeindruckend.

Bei der Witwe Marie-Luise Borchardt handelt es sich um die Ehefrau des bekannten und berühmten Schriftstellers, Lyrikers, Übersetzers und Redners Rudolf Borchardt, geboren 9. Juni 1877 in Königsberg, gestorben 10. Januar 1945 bei Steinach in Tirol. Weitere Informationen über sein Leben und Schaffen sind im Rudolf Borchardt Archiv und bei der Rudolf Borchardt Gesellschaft zu finden. Zu Rudolf Borchardt selbst und der Familie vor der Platjenwerber Zeit finden Sie weitere Informationen hier

Auch der Schriftsteller, Dichter, Architekt und Maler Rudolf Alexander Schröder war oft Gast bei der Familie Borchardt, Marie-Luise war seine Nichte, Tochter seiner Schwester Lina Voigt, die am 29. Juni 1949 im Alter von 75 Jahren in diesem Haus verstarb.

1920 gründete der Berliner Kunsthändler I.B. Neumann als erste seiner Filialen das Graphische Kabinett in Bremen, Fedelhören 11. 1922 wurde es von Lina Voigt übernommen, 1925 trat ihr Sohn Peter in die Firma ein und verlegte die Galerie in das Haus Rembertistraße 1A. Nach dem Tod Peter Voigts im Jahr 1950 leitete Ursula Voigt die Galerie. 1970 zum 50jährigen Jubiläum übergab Ursula Voigt die Firma an Wolfgang Werner.

Die Grabstelle der Familie befindet sich auf dem Riensberger Friedhof.

1955 erwarb die Familie Jachens die gesamte Hofstelle, das Sommerhaus wurde größtenteils abgerissen und umgebaut – die Halle blieb erhalten.

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