Ein Gespräch mit Txana Bane über indigene Kultur, Wandel und Verantwortung
Txana Bane stammt aus einem indigenen Dorf im Westen Brasiliens Acre, tief im Regenwald. Dort lebt das Volk der Huin Kuin, ca 15.000 Menschen mit eigener Sprache und Kultur. Txana Bane ist verheiratet mit Kathy Makuani und hat zwei Kinder. Die Familie lebt abwechselnd im Wendland und im Amazonas. In einem Gespräch gibt er Einblicke in das Denken, den Alltag und die sozialen Strukturen seines Volkes – ein Denken, das sich grundlegend von westlichen Sichtweisen unterscheidet. Im Mittelpunkt steht dabei stets das Gleichgewicht zwischen Menschen, Natur und Gemeinschaft. Das Gespräch führte Gerd Kopiske, der Text ist eine Zusammenstellung der Inhalte des Gesprächs.
Teil der Natur, nicht ihr Gegenüber
In der Kultur von Txana Bane wird der Mensch nicht als getrennt von der Natur verstanden, sondern als Teil eines größeren Ganzen. Entscheidungen – ob im Alltag oder für die Gemeinschaft – werden danach getroffen, was für die Natur und für alle Menschen gesund ist. Dieses Verständnis prägt auch das soziale Miteinander: Stress, Krankheit und Entfremdung entstehen nach seiner Erfahrung dort, wo die Verbindung zur Natur verloren geht.
Tradition und Moderne im Spannungsfeld
Wie viele indigene Gemeinschaften ist auch Txana Banes Dorf heute mit der Außenwelt verbunden. Jugendliche nutzen Mobiltelefone, kommen mit städtischer Kultur in Kontakt und verbringen weniger Zeit mit traditionellen Tätigkeiten wie Jagen, Fischen oder dem Anlegen von Feldern. Dieser Austausch bringt neue Chancen, aber auch Risiken: Traditionelles Wissen droht verloren zu gehen, während neue Abhängigkeiten entstehen.
Auch politische Strukturen haben sich verändert. Wo früher die Stimmen der Ältesten und Häuptlinge entscheidend waren, gewinnen staatliche und parteipolitische Einflüsse an Bedeutung – mit spürbaren Konsequenzen für die Gemeinschaft.
Gemeinschaft statt Individualismus
Die Dorfgemeinschaft ist stark kollektiv organisiert. Familie endet nicht bei Eltern und Kindern: Onkel, Tanten, Großeltern und Nachbarn tragen gemeinsam Verantwortung füreinander und insbesondere für die Kinder. Es gilt das Prinzip: Ein ganzes Dorf erzieht ein Kind. Niemand ist allein, jeder ist Teil eines tragenden Netzes aus Beziehungen.
Entscheidungen, die die Gemeinschaft betreffen, werden gemeinsam getroffen, wobei Ältere – Frauen wie Männer – aufgrund ihrer Erfahrung besonderes Gewicht haben. Autorität entsteht aus Verantwortung, nicht aus Macht.
Alltag, Arbeit und Rituale
Der Alltag ist geprägt von gemeinsamer Arbeit: Feldbau, Pflanzen von Bäumen, Fischfang, Jagd, Kunsthandwerk, Kochen und das Weitergeben von Wissen. Dabei geht es nicht nur um Versorgung, sondern auch um Pflege des Waldes und Erhalt des ökologischen Gleichgewichts.
Feste und Rituale strukturieren das Jahr und das Leben. Sie begleiten das Pflanzen, den Übergang vom Kind zum Erwachsenen, das Älterwerden. Rituale dienen der spirituellen Vorbereitung auf neue Lebensphasen und der Verbindung mit den Kräften der Natur.
Geld als neue Herausforderung
Der Umgang mit Geld ist für die Gemeinschaft vergleichsweise neu. Einzelne Dorfbewohner verdienen Geld durch Tourismus, Handwerk, Lehrtätigkeiten oder Projekte. Doch fehlende Strukturen führen dazu, dass Geld schnell ausgegeben wird oder externe Akteure die Menschen ausnutzen. Txana Bane betont, wie wichtig es ist, hier zu lernen und Schutzmechanismen zu entwickeln, um nicht – wie in kolonialen Zeiten – benachteiligt zu werden.
Zwischen Regenwald und Europa
Txana Bane lebt heute zwischen zwei Welten. Einen Teil des Jahres verbringt er mit seiner Familie im Regenwald, mehrere Monate in Europa. Seine Kinder wachsen mit beiden Kulturen auf, lernen sowohl schulisches Wissen als auch das Leben in und mit der Natur. Dieser Wechsel erfordert Zeit des Ankommens – in beiden Welten.
Seine persönliche Aufgabe sieht Txana Bane darin, Brücken zu bauen: Wissen weiterzugeben, Heilpflanzenkunde, Naturverständnis und indigene Weisheiten mit Menschen im Westen zu teilen – respektvoll, ohne Missionierung.
Zu diesem Zweck haben Txana Bane und seine Frau einen Verein gegründet, Living Bridge e.V.
Lernen durch Beobachtung
Ein zentraler Unterschied zur westlichen Kultur liegt im Lernen: Wissen wird nicht durch Fragen und Antworten vermittelt, sondern durch Beobachten und Nachahmen. Kinder lernen, indem sie sehen, was andere tun. Wer neu ins Dorf kommt, wird genau beobachtet – nicht bewertet, sondern studiert.
Dieser Bericht macht deutlich:
Das Leben im Regenwald ist kein romantisches Ideal, sondern ein komplexes, lebendiges System aus Verantwortung, Gemeinschaft und Anpassung. Txana Bane steht beispielhaft für eine Generation, die versucht, Tradition zu bewahren und zugleich neue Wege im Dialog mit der Welt zu gehen. Auf diese Weise versucht er die zahlreichen und komplexen Herausforderungen zur Bewahrung ihrer Kultur, denen sich dieses Volk gegenübersieht, zu meistern.
